Vortragsprogramm für das Jahr 2015


13. Januar
Dienstag

18 Uhr: Uwe Hoßfeld, Jena

Zur Geschichte der biologischen Anthropologie nach 1900: Tendenzen und Strömungen

Über viele Jahrhunderte erklärten religiöse Vorgaben die Herkunft des Menschen. Erst im 19. Jahrhundert setzte eine breite anthropologische Erforschung menschlicher Abstammung ein. Die Ergebnisse wurden umfassend diskutiert. Wissenschaftliche Erkenntnissee der biologischen Anthropologie ganz unterschiedlicher Qualität fanden dabei ihren Weg in die praktische Politik. Diese Verbindung soll hier an exemplarischen Beispielen vorgestellt und analysiert werden.

18. Februar
Mittwoch

18 Uhr: Mike Teufer, Berlin

Neue Forschungen zur Bronze- und frühen Eisenzeit in Süd-Tadschikistan.

Gemeinsame Forschungen der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, der Russischen Akademie der Wissenschaften und der Tadschikischen Akademie der Wissenschaften haben in den letzten Jahren das Bild der Bronzezeit im südlichen Tadschikistan grundlegend geändert. So lässt sich der Beginn dieses Zeitabschnittes jetzt sehr viel früher fassen und auch der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit, der bisher für den gesamten mittelasiatischen Raum als abrupter Wandel wahrgenommen wurde, kann nun zumindest für diese Region als kontinuierlicher Prozess beschrieben werden.

24. März

17 Uhr: Mitgliederversammlung

Tagesordnung:
Rechenschaftsbericht des Vorsitzenden
Kassenbericht für das Jahr 2014
Bericht der Rechnungsprüfer
Aussprache zu den Berichten
Entlastung des Vorstands und des Schatzmeisters
Neustaffelung der Mitgliederbeiträge
Planung einer Exkursion
Verschiedenes

Anschließend finden in einer öffentlichen Sitzung ab 18 Uhr die Kurzvorträge der Preisträger des Rudolf-Virchow-Förderpreises statt.

21. April
Dienstag

18 Uhr: Barbara Rieprecht, Berlin

Adolf Bastian und seine ethnologische Sammlung in Form einer 'Gedankenstatistik'

Das große Interesse an Entwicklungsprozessen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Gebieten der Naturwissenschaften, vornehmlich der Biologie und der Evolutionstheorien, motivierte Forschende analog dazu die 'Kulturzustände, Sitten und Gebräuche der verschiedenen Völker zu verschiedenen Zeiten' in die Reihe ihrer Forschungsgegenstände aufzunehmen, wie es im Aufruf der Naturforscher und Ärzte zur Gründung von Lokalvereinen hieß. Adolf Bastian (1826-1905), begeisterter Verfechter der damals sog. exakten Naturwissenschaft und Promotor der Ethnologie, war eines der Gründungsmitglieder der hiesigen Gesellschaft. Der Vortrag setzt sich mit Bastians Plan einer weltumfassenden Datensammlung auseinander und legt die seinem unvollendeten statistischen Projekt implizite Systematik frei. Da Bastian kein Regelwerk verfasst hat, wurde sein oft kritisierter Schreibstil bisher nicht mit dieser statistischen Anordnung der Informationen in Verbindung gebracht. Doch seine Vision einer Wissenssammlung hat etwas von der Faszination gigantischer Großprojekte wie es sie im bautechnischen Bereich oder der Raumfahrt viele Menschen erreicht.

23. April und
21. Mai

17 Uhr: Markus Schindlbeck
EINLADUNG ZUR KURATORENFÜHRUNG
durch die Ausstellung:
Tanz der Ahnen – Kunst vom Sepik in Papua Neuguinea

Ort: Marin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin
Bitte melden Sie sich für den 23. April per E-Mail (seethaler.bgaeu@web.de) oder per Telefon (Anrufbeantworter: 030/ 8336278) bis zum 20. April an (für den 21. Mai bis 15. Mai). Bitte hinterlassen Sie Ihre Nummer für den Rückruf!

22. Mai
Freitag

18 Uhr: Benjamin Lange, Würzburg

Kommunikative Geschlechterunterschiede aus evolutionärer Perspektive

Auch wenn die meisten Geschlechterunterschiede beim Menschen als vergleichsweise gering einzuschätzen sind, erfreuen sich Debatten zu diesem Thema vergleichsweise großem Interesse. Dies schließt Diskussionen über die Ursachen von Geschlechterunterschieden ein, wobei die Positionen von maximal biologistisch bis maximal kulturistisch schwanken. Die evidenzbasierte Forschung hat nun nicht nur zeigen können, dass die meisten Geschlechterunterschiede eher gering sind, sondern auch, dass diese nicht einfach nur als Ergebnis kultureller Faktoren erklärt werden können, u.a. da einerseits klare biologische Korrelate existieren und andererseits viele spezifische evolutionäre Vorhersagen bezogen auf Geschlechterunterschiede empirisch belegt sind. Gleichwohl müssen Geschlechterunterschiede am ehesten als das Ergebnis einer Natur- x Kultur-Interaktion verstanden werden; d.h. dass Geschlechterunterschiede im Sinne evolutionärer Strukturvorgabe durch Umweltfaktoren moderiert werden. Das bedeutet, dass es lohnend erscheint, zunächst die evolutionär gemachten Vorhersagen in Bezug auf Geschlechterunterschiede einer empirischen Prüfung zu unterziehen, gleichzeitig aber auch mitzudenken, dass diese durch kulturelle Faktoren mitbeeinflusst werden. Der Vortrag verfolgt einen solchen Ansatz und wählt als Gegenstandsbereich die menschliche Kommunikation in verschiedenen Ausprägungen mit einem Schwerpunkt auf Sprache und Literatur.

09. Juni
Dienstag

18 Uhr: Volker Hess, Berlin

Schreiben als materielle Praktik. Ärztliche Aufzeichnungen in der frühen Neuzeit

Schreiben ist weit mehr als der mechanische Vorgang einer Informationsspeicherung. Dieses „mehr“ steht im Mittelpunkt des Vortrages zu folgenden Überlegungen. Die Handlungsdimension des Aufschreibens selbst soll im Vergleich verschiedener Aufschreibeformen – vom ärztlichen Notizbuch über das medizinische Journal und casebook bis zur veröffentlichten Observation – erörtert werden. Dabei wird auf die Performanz, die symbolische Bedeutung und die epistemische Dimension dieses Aufschreibens am Krankenbett bzw. nach der Visite eingegangen. Anhand von Fallbeispielen aus dem deutschen, französischen und englischen Sprachraum versucht der Beitrag jene Bedeutungen des Schreibens herauszuarbeiten, die durch die Handlung selbst erst erzeugt und vermittelt werden.

25. Juni
Donnerstag

18 Uhr: Stephen Ousley, Erie, und Richard L. Jantz, Knoxville

Berlin am Tennessee: Der deutsche Einfluss auf die forensische Anthropologie in den USA

Several Germans have directly and indirectly influenced the development of forensic anthropology in the US. Rudolf Martin's Lehrbuch publications (1914, 1928, 1957), which defined cranial and postcranial measurements, were followed by many American anthropologists. Aurel von Torok was a Hungarian member of the BGAEU and his monumental "Grundzüge einer Systematischen Kraniometrie" (1888) detailed over 5,000 measurements that could be collected from the cranium. Rudolph Virchow stimulated the interest of a young Franz Boas in anthropometry and Native Americans when Boas worked for him in Berlin. Boas was born in Minden in 1858, became a member of BGAEU, and emigrated to the U.S. in 1887 to become the father of American anthropology. The Boasian approach was empirical and involved collecting numerous data to answer scientific questions, and contrasted with the "armchair" approach, which relied on second-hand information and speculation. Research in forensic anthropology has flourished over the last 30 years at the University of Tennessee, home of the "body farm", but also home of the Forensic Data Bank and the Bass Collection of modern American skeletons. Though American innovations have been made, the philosophy of Boas and the work of Martin and von Torok continue to influence American forensic anthropology.

25. Juni
Donnerstag

gegen 20 Uhr: Im Anschluss an den Vortrag Ousley & Jantz

Sommerfest

Im Namen des Vorstandes lädt die Gesellschaft Sie herzlich zu einem kleinen Sommerfest ein.
Es findet statt in Anschluss an den Vortrag von Ousley/Jantz am 25.06.2015 auf dem Dachgarten des neuen Gebäudes des Instituts für Prähistorische Archäologie an der FU Berlin. Bitte beachten Sie den Aushang vor Ort!
Neben geistiger Kost ist natürlich auch für das leibliche Wohl in Form von Getränken und Grillware gesorgt.
Die Gesellschaft freut sich über Ihr zahlreiches Erscheinen (auch schon beim Vortrag zuvor!)

2. November

Ethnologische Provenienzforschungen am menschlichen Überresten aus Australien in der Sammlung der BGAEU

Provenienzforschungen an menschlichen Überresten spielen in wissenschaftlichen, politischen und musealen Zusammenhängen eine wachsende Rolle. Sie sind gleichzeitig ein gutes Beispiel dafür, wie naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Methoden und Fragestellungen sich auch im 21. Jahrhundert fruchbar ergänzen können. An konkreten Beispielen aus Australien, die sich im Besitz der anthropologischen Sammlung der BGAEU befinden, werden die Potentiale, aber auch die Grenzen aufgezeigt, die ethnologische und historische Analysen zur Feststellung der kulturellen Herkunft und zu den Sammlungsumständen von menschlichen Überresten haben können. Gleichzeitig wird ein Überblick über die Methoden und Erkenntnismöglichkeiten weiterführender interdisziplinärer Forschungen an menschlichen Überresten gegeben.

7. Dezember
Montag

18 Uhr: J. Otto Habeck, Hamburg

Wohnkultur in Sibirien: Mobilität - Territorialität - Abgrenzung

Seit langem befasst sich ethnologische Forschung in Sibirien mit den Themen Mobilität und Umweltwahrnehmung. Mittlerweile gilt die Aufmerksamkeit nicht allein den indigenen Gruppen, die mobile Viehwirtschaft betreiben, sondern auch den Bewohnern der Städte und Industriesiedlungen, so zum Beispiel den Fernpendlern. Mobilität unterliegt einer Vielzahl von Beschränkungen, darunter zählen insbesondere administrative Maßnahmen (Sesshaftmachung, Gebietsreformen). Ausgehend von der Beobachtung, dass derlei Grenzziehungen und territoriale Zuweisungen zu einer deutlichen Beschränkung (enclosure) des Aktionsraums ganzer Gemeinden geführt haben, wird argumentiert, dass sich auch die individuelle Umweltwahrnehmung und sogar Körpertechniken verändert haben. Gleichzeitig gehen "neue" Wohnformen - sei es im Plattenbau oder in den sich rasch ausbreitenden Stadtrandsiedlungen - mit bestimmten Formen der sozialen Abgrenzung einher. Der Vortrag wird beispielhaft beleuchten, wie weit der Wille zur Distinktion und zur Abschottung in städtischen und ländlichen Gemeinden im Sibirien der Gegenwart ausgeprägt ist.